Romanze ohne Worte

Eine weitere Kurzgeschichte von Dobbin


Wir haben uns in einem Reitstall in Exmoor getroffen, irgendwann '91. Bis dahin hättest Du es noch eine Urlaubsromanze nennen können.

Diese Zeit scheint nun schon so lange her zu sein. Wir sind weit gegangen seitdem. Nur einige wenige Wochen waren wir zusammen in diesem langen heien Sommer, aber da hat alles angefangen...

Ich erinnere mich an einen außergewöhnlichen Austritt über das Moor. Das war glaube ich so am dritten Tag meines Urlaubs. Ein schöner Tag im Frühsommer, kleine Wölkchen sprenkeln den Himmel und es weht eine kräftige Brise über die schroffen Hänge. Zerstreute Gruppen von Pferden und Menschen ziehen stundenlang über das Moor, manchmal miteinander sprechend, oft in Stille, die Atmosphäre absorbierend.

Ich ritt für eine ganze Weile neben ihr her und konnte nicht anders als sie immerzu anzuschauen. So wunderschön. Möglicherweise hatte sie mein Starren bemerkt und begonnen mich mit Verwunderung zu beäugen. So sind wir stundenlang über das Moor gewandert. Keine Worte, aber es gab da ein -Gefühl-, irgendetwas wurde zwischen uns ausgetauscht, oder zumindest möchte ich das glauben.

In den nächsten Wochen haben wir einige Zeit zusammen verbracht. Ich war gewiß neugierig mehr über sie herauszufinden, und was sie von mir denkt. Obgleich es nicht immer möglich war, zusammen zu sein sah sie doch üblicherweise bei der Morgenarbeit, aber auch sie hatte ihre tägliche Arbeit zu erledigen, und ich konnte nicht immer dabeisein.

Dennoch haben wir noch den ein oder anderen Ausritte zusammen unternommen.

Am Tag vor der Abreise fand ich noch die Zeit mit ihr ein wenig zusammen zu sein, als ich einige der Pferde pflegen sollte. Wir haben nicht viel gesprochen; ich wußte auch gar nicht, was ich hätte sagen sollen. Wir haben einfach eine besonders schöne Stunde zusammen verbracht. Vielleicht war ich mir auch noch ein bißchen unsicher, aber zu dieser Zeit hatte ich einfach noch nicht so viel Erfahrung mit dem anderen Geschlecht.

Nur für diesen kurzen Moment mit ihr zusammen zu sein, ihr in die Augen zu schauen. Ich glaube aber, daß ich einfach nicht bereit mich auf eine Sache einlassen, die ich nachher nicht zu Ende bringen kann. Auf diese Art wollte ich mich nicht verlieben.

Noch in diesem Sommer kehrte ich zu dem Reitstall zurück. Diesmal nicht als Gast, sondern als Zeitarbeiter. Ein Ferienjob für einen Monat oder so. Der Besitzer wußte um meine Fähigkeiten und war froh als ich ihn anrief, um zu fragen ob ich eine zeitlang für ihn arbeiten kann.

Ich fragte mich ob -sie- noch immer da sein würde, oder zumindest in der Nähe. Vielleicht war sie ja auch schon wieder fortgegangen.

Als ich mein Zeug aus dem Auto lud und anfing es in den Schuppen zu bringen, hab ich mich ein wenig nach ihr umgesehen, konnte aber keine Anzeichen ihrer Anwesenheit entdecken. Ich fragte den Besitzer ob sie noch immer für ihn arbeiten würde. Mit Stirnrunzeln und einem finsteren Blick bejahte er. Es hatte ganz den Anschein, als hätte sie ihm in letzter Zeit mit ihrer ganz besonderen Art einige seiner Kunden zu behandeln, ziemliche Schwierigkeiten bereitet.

Naja, um ehrlich zu sein, einige seiner Kunden sind sowieso Arschlöcher.

Es war am folgenden Tag, als ich sie wieder zu Gesicht bekam und auch nur für ein, zwei Minuten. Sie war sehr beschäftigt, vielleicht sogar ein wenig überarbeitet.

Ich beobachtete sie von der anderen Seite des Hofes aus, wo ich einige Reparaturen an einem Zaun durchzuführen hatte. Lachende Mädchen und eine größere Gruppe müder Pferde standen abseits neben dem Stallgebäude. Mitten unter ihnen, stand -sie-.

Schwer seufzend nimmt sie noch einen Schluck Wasser. Ich grinse breit als ich beobachte wie sie sich nach diesem Arbeitstag endlich entspannen kann. Sie schaut zu mir herüber. Die Sonne schimmert in ihrem blonden Haar als sie es aus ihrem Gesicht wischt. Schweißtropfen perlen von ihrer Stirn. Sie wirft mir einen anerkennenden Blick zu und verschwindet im kühlen Stall mit einigen der Nervensägen.

Wir haben einige Zeit zusammen verbracht, meist während der Morgenarbeit, aber es war auch die Zeit, in der wir zwei öfters ins Dorf gegangen sind, um etwas von der Post abzuholen; nur wir zwei...

Nach und nach gewöhnte ich mich an die tägliche Arbeit im Stall und wurde in neue Aufgaben eingewiesen. Wir trafen uns öfters, wenn ich die Pferde zu pflegen hatte. Im schattigen Stall war unser Treffpunkt an dem wir zusammenkamen und einfach unsere Gesellschaft genießen konnten. He, die meisten Pferde haben in dieser Zeit nicht annähernd soviel Pflege bekommen.

Eines Tages, als ich mal wieder einige Zäune in einer der oberen Weiden zu reparieren hatte, kam sie zu mir herüber. Ich war mit meiner Arbeit beschäftigt und wußte nichtmal, daß sie in der Nähe war. Sie kam herüber und schaute mir bei der Arbeit zu, leistete mir ein wenig Gesellschaft; dann umarmte sie mich plötzlich spontan, lang und herzlich. Ich lies mich treiben. Wir umarmten uns für... ich weiß nicht... für Zeitalter... Ich wollte ihr direkt in die Augen blicken, ihr sagen wie ich fühle und beichten wie sehr ich sie liebe und begehre.

In dieser Nacht fand ich nicht viel Schlaf. Ich zerbrach mir den Kopf über sie, und darüber wie sie mit meiner Zurückweisung umgehen würde. Warum ich sie zurückgewiesen habe und ob ich überhaupt wirklich fähig war, sie zu lieben; ziemlich düstere und verdrießliche Gedanken.

Morgens beim Frühstück sagte der Stallmeister zu mir: "Andre', meine Frau und ich sind zu einem Fest eingeladen worden und wir haben vor auch die Nacht über zu bleiben. Glaubst Du, daß Du hier im Haus nach dem Rechten sehen kannst, oder sollen wir noch jemanden kommen lassen, der Dir dabei hilft? Du mußt Dich auch um alle Pferde kümmern, weil wir wahrscheinlich nicht vor morgen vormittag wieder da sein werden."

Ich sagte, das würde schon in Ordnung gehen.

Den ganzen Tag mußte ich daran denken. Ich führte einen Ausritt französischer Gäste über das Moor. Sie waren ziemlich gute Reiter, sprachen aber wenig Englisch, wodurch ich reichlich Zeit hatte, während dieses zweistündigen Ausritts meinen eigenen Gedanken nachzuhängen.

Ich beschloß, daß ich noch an diesem Nachmittag nachdem der Stallbesitzer gegangen sein würde, hinausgehen werde, um sie wiederzusehen. Ich würde erfahren, was sie jetzt von mir denkt und ob sie mich noch immer will, und wenn... naja... dann möchte ich sie auch. Und wir werden ja sehen, was dann passiert, hm?

Emma und Luzie, die anderen Stallgehilfen, gingen nach dem Abendessen nach Hause und der Besitzer und seine Frau bereiteten sich vor, das Haus zu verlassen. Ich schaute fern und versuchte nicht allzu nervös zu wirken.

Was für ein Aufwand ich betreiben mußte, welche überwindung nötig war! Angesichts meines hämmernden Herzens wurde mir beinahe schwindelig; meine Nerven lagen blank. Ich brachte es irgendwie tapfer fertig ein unbeteiligtes Gesicht zu machen. Schließlich verschwanden sie. So um 8 Uhr abends...

Nach einer halben Stunde war ich mir ziemlich sicher, daß sie nicht mehr zurückkommen würden. Ich ging hinaus, um nach ihr zu sehen.

Gerade als ich das Haus verließ und den Hof überquerte... war sie da! Ich konnte es nicht glauben! Dort stand sie am Tor, am anderen Ende des Hofes. Sie wartete am Tor. Ich weiß nicht, ob sie wußte, daß die Besitzer weggehen würden, naja, es sah so aus, als hätte sie auf mich gewartet.

Ich stieg über das Tor, sagte hallo und streckte meine Arme aus, um sie zu berühren. Oh Befreiung, Glück, sie zog mich einfach zu sich und wir umarmten uns in stiller Bestätigung unserer Liebe.

Sie hat mir die Art meiner Zurückweisung nicht übel genommen. Sie nahm an, was immer ich bereit war ihr zu geben. Ich weiß es jetzt und verstehe, daß sie in ihrem Geiste so frei sein kann. Sie ist einfach durch und durch ehrlich und verständnisvoll. Nichts kann sie jemals berühren, weil ihre Gefühle die ihren sind, und nur ihre allein.

Wir durchwanderten das blaue Zwielicht zusammen, gingen über die Felder, um einen abgelegeneren Ort aufzusuchen. Weg von den Lichtern des Hofs, von der Straße, von irgendwem. Es gab nur uns zwei zusammen...

Sie lehrte mich eine Menge in dieser Nacht. Lehrte mir viel über mich selbst. Ich lernte, meine Gefühle nicht zurückzuhalten, sie mitzuteilen, all das was ich empfinde auszudrücken, so wie sie ihre Gefühle mit mir teilte.

Wieder sagte ich ihr ohne Worte, wie sehr ich sie liebe. Ich dachte sterben zu müssen in dieser Nacht. Es gab Augenblicke in denen ich glaubte kein Herz könne je ein derartiges Entzücken gänzlich unverfälschter Leidenschaft hervorbringen. Aber es geschah.

Schließlich schliefen wir und in meinen Träumen wurde mir klar, daß Liebe die einzige Sache von Bedeutung auf dieser Welt ist. Ich würde einige Opfer bringen müssen. Mein Haus war klein, mit einem kaum erwähnenswertem Stück Land, mitten in der Stadt... nein, ihr würde es dort nicht gefallen. Alles würde sich in Zukunft ändern müssen. Veränderung, wenn sie kommen und für mich da sein wird. Wenn sie mit mir kommen -kann-.

Um 5 Uhr morgens wachte ich auf. Sie war schon aufgestanden und streckte sich einige Meter von mit und vertrat sich die Beine. Ich fragte sie freiweg, ob sie mit mir kommen möchte, weg von hier. Ich sagte ihr, daß ich alles organisieren würde, auch wenn ich im Moment noch gar nicht wüßte wie ich es anstellen sollte.

Sie küßte einfach mein Gesicht und tanzte hinaus auf die Felder. Gebannt schaute ich ihr nach, bis sie hinter der Anhöhe verschwand. Dann wandte ich mich ab und begann zur Rückseite des Hauses zurückzugehen um mit den morgendlichen Routinearbeiten zu beginnen.

Emma und Luzie kamen an und es schien so als würde es ein ganz normaler Tag werden. Ich glaube nicht einmal, daß sie überhaupt merkten wie fröhlich ich an diesem Morgen war. Vermutlich werden sie es nie erfahren.

Nun, um eine lange Geschichte abzukürzen, einige Tage später wurde dem Besitzer mitgeteilt, daß meine Geliebte wiedermal einen seiner Kunden schlecht behandelt hat, und so entschied er kurzentschlossen, daß sie nicht mehr für ihn arbeiten sollte. Er sagte, sie könne noch eine Zeitlang bei ihm bleiben, da sie sonst nirgendwo hingehen konnte.

Ich sagte, ich könne einen Platz für sie in meiner Nähe finden, aber es würde einen oder zwei Monate dauern. Noch mehr Schauspielerei. Ich veranstaltete ein derartiges Aufbegehren, daß er mir am Ende mehr oder weniger anbot, mich dafür zu -bezahlen- für sie einen neuen Platz zu finden.

Am nächsten Tag verabschiedeten wir uns. Ich fühlte einen Anflug von Traurigkeit, aber mir war klar, daß es schon bald in Ordnung sein würde. Ich wußte einfach, daß ich die Kraft haben würde mein Leben umzustellen.

Sechs Wochen später waren wir endlich zusammen. Wir sind an einen ruhigen, kleinen Platz umgezogen; in eines der Dörfer, die meine Heimatstadt umgeben. Jede Menge frische Luft, ein Stück Land und wir hatten einen Flußlauf direkt nebenan. Ein wirklich schönes Fleckchen Erde. Ok, unser jetziges Haus ist -ziemlich- klein, aber was kümmerts mich?!

Jetzt sind wir wieder da, fünf Jahre später. Es sind beinahe fünf Jahre vergangen, seit dem Tag an dem wir unsere erste Nacht zusammen verbracht haben und jetzt sind wir zurückgekommen; hier nach Exmoor, um Urlaub zu machen.

Es ist wieder so eine Nacht. Ich schaue aus dem Fenster unserer Behausung während ich dies schreibe und ich kann sehen, wie sie draußen auf den Feldern herumtollt. Ihr Kopf ist hocherhoben und es scheint, als könne sie einfach die Schönheit der Natur in sich aufsaugen (und aus der ist sie selbst gemacht, dem schönsten Teil davon natürlich).

Später sind wir hinausgegangen auf Moor, an einen friedvollen Ort. Vielleicht werden wir uns lieben, nur mit den Sternen über uns.

Und wenn ich Dir jetzt sage (wer hätts gedacht), daß meine Geliebte nicht eine Frau ist, sondern ein Pferd, verdirbt das dann das Schöne dieser Geschichte unserer wortlosen Romanze in irgendeiner Weise?

Nein... tut es nicht.


Dobbin

Juli 1996